Ökologische Sukzession
Wie ein Wald entsteht
Ökologische Sukzession ist der Prozess, durch den sich biologische Gemeinschaften im Laufe der Zeit in einer gerichteten und relativ vorhersehbaren Weise verändern. In terrestrischen Bereichen führt die Sukzession typischerweise von bloßem Boden oder gestörten Umgebungen zu zunehmend komplexeren Pflanzengemeinschaften und erreicht schließlich einen relativ stabilen Zustand, den man „Klimax" (oder dynamisches Gleichgewicht) nennt. Wälder sind oft die Endstufe der Sukzession in Regionen mit ausreichend Niederschlag und nicht extremen Temperaturen.
Primäre Sukzession: Vom nackten Felsen zum Wald
Die primäre Sukzession beginnt auf lebensfreien Substraten ohne Boden: erstarrte Lava aus einem Vulkanausbruch, kahler Boden, der durch schmelzende Gletscher freigelegt wurde, eine neu gebildete Insel, eine Sanddüne. Stufe 1 – Pionierarten: Flechten und Cyanobakterien besiedeln nackten Felsen, sammeln organische Substanz an und verändern die Oberfläche chemisch. Moose folgen und bilden die erste Schicht aus organischem Boden. Dies dauert Jahrzehnte. Stufe 2 – Pioniergräser: Die ersten Gefäßpflanzen besiedeln den sich entwickelnden Boden (Saxifraga, Silberblatt-Miere in alpinen Umgebungen; Pioniergräser in gemäßigten Zonen). Sie produzieren Biomasse, die die Bodenbildung beschleunigt. Dies dauert weitere Jahrzehnte. Stufe 3 – Strauchvegetation: Pioniersträucher (Kraut-Weide und Zwerg-Birke in höheren Lagen, Brombeeren und Himbeeren in tieferen Lagen, Hartriegel und Weißdorn im Flachland) etablieren sich und erhöhen die strukturelle Komplexität sowie die Bodenqualität durch Laubfall. Dies dauert 20–50 Jahre. Stufe 4 – Pionierwald: Schnell wachsende Bäume (Birke, Espe, Waldkiefer, Weide) besiedeln das Gebiet. Ihr zunehmender Schatten verdrängt lichtliebende Pionierarten. Der Boden wird mit Humus und Mykorrhizen angereichert. Dies dauert 50–100 Jahre. Stufe 5 – Klimaxwald: Die Klimaxvegetation der Region etabliert sich. Im italienischen gemäßigten Klima: Buche (über 600–800 m), Eiche (Hügel- und Flachlandzone), Steineiche (Mittelmeerzone). Klimaxbäume sind schattentolerant als Pionierbäume: Sie können sich im Unterstand der Pioniere selbst verjüngen. Innerhalb von 100–300 Jahren ersetzt der Klimaxwald den Pionierwald. Gesamtzeitrahmen: vom nackten Felsen zum Klimaxwald: 200–500 Jahre in günstigen gemäßigten Umgebungen. In extremen alpinen Umgebungen: 500–1.000 Jahre. In tropischen Umgebungen: 100–200 Jahre (hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit beschleunigen Bodenbildung und Wachstum).
Sekundäre Sukzession: Der Wald kehrt zurück
Die sekundäre Sukzession beginnt in gestörten Umgebungen, die bereits entwickelte Böden und teilweise erhaltene Bodenbiota aufweisen: ein aufgegebenes Ackerland, ein verbranntes Gebiet, ein abgeholztes Gebiet. Warum sie schneller ist als primäre Sukzession: Der Boden ist bereits vorhanden (mit seinen Nährstoffreserven, ruhenden Samen, Mykorrhizasporen und Bodenfauna). Kolonisierende Pflanzen wachsen auf fruchtbarem Boden statt auf nacktem Felsen. Das Tempo ist 5–10 Mal schneller als bei primärer Sukzession. Sekundäre Sukzession in Italien: Die Aufgabe von Grenzackerland (beschleunigt sich deutlich ab den 1950er–80er Jahren, besonders in den Apenninen-Hügeln) hat sekundäre Sukzession auf Millionen von Hektar eingeleitet. Innerhalb von 50–70 Jahren nach Aufgabe: Das Feld wird zur Wiese → wird zum Strauchland (Brombeere, Ginster, Holunder, Weißdorn) → Pionierwald erscheint (Esche, Flaumige Eiche, Aleppo-Kiefer im Süden) → Klimaxarten beginnen zu erscheinen. Der natürliche Wald, der in Italien wächst: Die italienische Waldfläche ist von 6 Millionen Hektar (1950) auf 11 Millionen Hektar (2023) angewachsen: In 70 Jahren fast verdoppelt dank Aufgabe von Ackerland. Diese „spontane Renaturalisierung" ist ein Prozess der sekundären Sukzession, der früher kultivierte Flächen zur Natur zurückführt. Die Qualität dieses Sukzessionswaldes: unterscheidet sich vom reifen Klimaxwald. Einfache Struktur, wenige Höhlen, wenig Totholz, noch geringe Biodiversität. Es wird Jahrhunderte dauern, um die Komplexität des Klimaxwaldes zu erreichen. Aber es ist bereits weit besser als Ackerland.
Förderer und Hemmer der Sukzession
Ökologische Sukzession verläuft nicht immer linear und vorhersehbar: Sie wird durch Faktoren beeinflusst, die sie beschleunigen, verlangsamen oder auf Subklimax-Stadien blockieren können. Förderer der Sukzession: Fördernde Arten sind solche, die, wenn sie zuerst kolonisieren, die Bedingungen für nachfolgende Arten verbessern. Flechten, die Kohlensäure produzieren, beschleunigen die Gesteinsverwitterung (fördernd für Moose). Pionierkiefern schaffen Schatten und saure Böden, die die Buchen-Etablierung fördern. Erle (Alnus glutinosa) fixiert atmosphärischen Stickstoff (in Symbiose mit Frankia) und bereichert den Boden für nachfolgende Pflanzen. Birke produziert leicht abbaubare Blätter, die die Humusbildung beschleunigen. Hemmer der Sukzession: Wettbewerbsfähige Gräser (Felsenmispel-Zwenke, Pfeifengras) können dichte Bestände bilden, die die Strauchansiedlung für Jahrzehnte widerstehen. Saure und nährstoffarme Böden verlangsamen die Sukzession. Häufige Brände blockieren die Sukzession im Strauchstadium (Mittelmeer-Macchia). Intensive Beweidung verhindert Renaturalisierung. Konkurrenz mit invasiven exotischen Arten: Invasive Arten (Robinie, Götterbaum, Schmetterlingsstrauch) verändern die Sukzession durch Bildung von monokulturellen invasiven Wäldern, die sehr schwer durch native Klimaxarten zu ersetzen sind. Die Robinie (im 17. Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt) bedeckt nun etwa 500.000 Hektar italienischen Waldes: Sie ist Europas primäre invasive Baumart. Sukzession für Naturschutz bewirtschaften: Einige Schutzgebiete und historisch wertvolle Bergwiesen (für Flora und Fauna typischer offener Weiden) werden im krautigen-strauchigen Stadium (vor der Sukzession zum Wald) durch kontrollierte Beweidung oder Mahd erhalten. Sukzession „zum Wald" ist in diesen Fällen unerwünscht: Das Ziel ist die Erhaltung offener Lebensräume.
Ein aufgegebenes Feld wird zur Wiese, dann zum Strauchland, dann wachsen Pionierkiefern oder Eschen, dann wartet die Buche geduldig im Unterstand, bis das Licht stimmt. In wenigen Jahrhunderten, wo einst Mais wuchs, steht nun ein Wald. Italien hat in den letzten siebzig Jahren die Hälfte seiner Berglandwirtschaft verloren, und die Natur hat geantwortet, indem sie diese aufgegebenen Flächen langsam bedeckt. Es ist eine stille, unaufhaltsame, wunderbare Sukzession.
Sukzession im Wasser: Wie entsteht ein Moor
Sukzession findet nicht nur auf dem Trockenlande statt: Sie vollzieht sich auch in aquatischen Lebensräumen und führt zur schrittweisen Umwandlung von Seen und Teichen in Feuchtwiesen, dann in Moore und schließlich (irgendwann) in Wälder. Hydrarche Sukzession: beginnt im offenen Wasser und verläuft in Richtung Land. Stadium 1 (tiefes Gewässer): untergetauchte Wasserpflanzen (Potamogeton, Wasserpest, Hornblatt). Allmähliche Sedimentation von Detritus und Ansammlung organischer Substanz verringern die Tiefe kontinuierlich. Stadium 2 (flaches Gewässer): verwurzelte Arten mit schwimmenden Blättern (Seerose, Teichrose) und Sumpfpflanzen (Schilfrohr, Rohrkolben). Stadium 3 (Sumpf): Schilfwachstum und verlangsamte Zersetzung unter anaeroben Bedingungen erzeugen eine Torfschicht, die das Becken allmählich ausfüllt. Stadium 4 (Flachmoor und Hochmoor): Bei sauren Bedingungen und geringem Grundwassereinfluss (ombrotrophe Moore) besiedelt Torfmoos die Oberfläche. Das Torfmoos wächst und zersetzt sich unter sauren Bedingungen äußerst langsam (wodurch saurer Torf entsteht). Moore entstehen: hochspezialisierte und seltene Ökosysteme mit angepasster Flora (Sonnentau, Fettkraut, Preiselbeere, Wollgras). Moore als Kohlenstoffspeicher: Moore nehmen nur 3 % der Landfläche der Erde ein, enthalten aber etwa 30 % des globalen Bodenkohlenstoffs. Torf ist Kohlenstoff, der sich über Tausende von Jahren unter anaeroben Bedingungen angesammelt hat. Torfabbau (für gärtnerische Zwecke: Kultursubstrate) und Moorentwässerung setzen enorme Mengen CO₂ frei. In Schweden und Finnland ist der Moorschutz eine Priorität für die Kohlenstoffkonservierung. In Italien werden Moore durch die EU-Habitatrichtlinie geschützt (Prioritärer Lebensraum: mit Sternchen gekennzeichnet). Einige Alpine Moore in Trentino und Südtirol gehören zu den wichtigsten Europas.
Sukzession beschleunigen: Aktive Waldrestauration
Ökologische Restauration ist die Disziplin, die darauf abzielt, die Sukzession zu beschleunigen oder zu lenken und zielgerichtete Ökosysteme (oft reife Wälder) in viel kürzeren Zeiträumen als durch natürliche Prozesse zu erreichen. Grundprinzipien der Waldrestauration: den natürlichen Sukzessionsprozess verstehen und nachahmen, dabei in frühen Phasen Pionierpflanzen und in späteren Phasen Klimaxarten verwenden. Hindernisse für die Restauration (invasive Arten, Beweidung, Feuer) vor der Bepflanzung beseitigen. Pflanzenmaterial aus lokalen Quellen (angepasste Ökotypen) mit hoher genetischer Vielfalt verwenden. Von Anfang an vertikale Struktur schaffen (Arten mit unterschiedlichen Endhöhen gemeinsam pflanzen). Innovative Techniken: Schutzpflanzungen: schnellwüchsige Pflanzen (Erle, Weide), die zusammen mit Klimaxarten gepflanzt werden, um in den frühen Jahren Schatten und günstiges Mikroklima zu bieten. Die „Miyawaki-Methode" (entwickelt vom japanischen Botaniker Akira Miyawaki): dichte Bepflanzung (2–3 Pflanzen/m²) vieler heimischer Waldarten verschiedener Schichten in einer einzigen Operation. Der entstehende Wald erreicht seine Reife in 20–30 Jahren statt in 200 Jahren. Ausgezeichnete Ergebnisse in vielen städtischen und stadtnahen Anwendungen weltweit, auch in Italien. Rewilding: natürliche Sukzession ohne Eingriff ablaufen lassen, nur die wichtigsten Hindernisse (invasive Arten, Zäune, künstliche Entwässerung) beseitigen. Langsamer als aktive Restauration, führt aber zu potenziell widerstandsfähigeren Ökosystemen aufgrund größerer genetischer und struktureller Vielfalt. Erfolgreich in aufgegebenen ländlichen Gebieten der Apenninen und der Italienischen Alpen angewendet.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Primär- und Sekundärsukzession bei der Waldentstehung?
Primärsukzession beginnt auf leblosem Untergrund wie Felsen oder Lava und benötigt Jahrhunderte, um einen Wald zu entwickeln. Sekundärsukzession startet von bereits vorhandenem, nährstoffreichem Boden wie aufgegebenen Feldern aus und stellt die Waldvegetation 5–10-mal schneller wieder her.
Wie beeinflussen invasive Arten die ökologische Sukzession in Wäldern?
Invasive Arten können die Sukzession blockieren oder verändern, indem sie Monokulturen bilden, die schwer durch heimische Klimaxarten zu ersetzen sind, und so die Biodiversität und Ökosystemqualität verringern. Beispielsweise hat die Robinie riesige Flächen erobert und behindert die Rückkehr natürlicher Wälder.
Wie beschleunigt die Miyawaki-Methode die Waldrestauration im Vergleich zur natürlichen Sukzession?
Die Miyawaki-Methode beinhaltet die dichte Bepflanzung vieler heimischer, geschichteter Arten und schafft einen reifen Wald in 20–30 Jahren statt in 200 Jahren. Sie fördert von Anfang an Biodiversität und vertikale Struktur und beschleunigt damit die Bildung widerstandsfähiger Waldökosysteme erheblich.
Was passiert, wenn die ökologische Sukzession in einem Subklimax-Stadium steckenbleibt?
Bleibt die Sukzession in einem Subklimax-Stadium stecken, etwa im Kraut- oder Strauchstadium, bleibt das Ökosystem weniger komplex und weniger artenreich. Dies kann durch Faktoren wie intensive Beweidung, häufige Brände oder schlechte Böden verursacht werden und verhindert die Bildung reifer und stabiler Wälder.
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